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Wintergunge

Leseprobe: »Der seltsame Gefährte«

 

Ich sehe dich vor mir.

Jede Mitternacht.

Dein schlanker Schatten nähert sich,

die nachtschwarzen Finger suchen mein Gesicht.

In der Ferne eine Turmuhr.

Sie schlägt eins.

Dein blasses Gesicht verschwindet.

Zurück bleibt diese verdammte Stille.

 

Kapitel 1

Das Polarlicht

Eisige Luft schlich durch die Stadt. Geruchlos trug sie ein Etwas heran, das die Gemüter gefrieren ließ. Es war, als hätte jemand die endlose Betriebsamkeit herunter gedreht.

Seit gestern musste der Museumswärter Carl Maciejewsky blinzeln. Über dreißig Jahre arbeitete er schon in dem berühmten Museum. Es war das erste Mal, dass ihm die Augen tränten wie bei einem Pfefferspray-Anschlag.

Noch gestern hatte Das Auge des Polarlichts mit dicker Folie stoßfest umwickelt in einem überdimensionalen Kasten aus Sperrholz gelegen. Sein eigentlicher Platz war in dem frisch geweißten Ausstellungssaal des ersten Stockwerks.

Heute schälten zwei durchtrainierte, junge Männer nach der offiziellen Besuchszeit das kapitale Kunstwerk aus seiner Verpackung. Noch bevor sie es an die Wand gehängt hatten, hasteten sie keuchend aus dem Raum. Sie stürzten die Treppe hinunter, als sei der Teufel hinter ihnen her. Noch nicht einmal das Kabel für die Alarmanlage zur Diebstahlsicherung hatten sie angebracht. Mit triefenden Nasen und verheulten Augen rannten sie aus dem Museum hinaus. Übrigens ohne ein Wort. Dafür mit klappernden Zähnen. Sie sprangen aus der großen Türe und verschwanden augenblicklich zwischen den wuchernden Hochhäusern.

Mehr als verwundert ging Carl Maciejewsky die Treppe hinauf. Es fiel ihm nicht ganz leicht, denn von der jahrelangen Bilderschlepperei hatte er es im Kreuz. Er stieß ein leises Ächzen aus und ab der dritten Stufe knackte es in seinem linken Knie. Diese jungen Kerle hatten heutzutage kein Benehmen und von Kunst keine Ahnung. Kopfschüttelnd betrat er den großen, abgelegenen Raum mit dem blanken Schiffsholzparkett, den man eigens für das neue Bild renoviert hatte. Dieses besondere Kunstwerk sollte der Renner werden auf dem Museumsfestival mit dem Thema Nordländer. Sogar der Kulturdezernent hatte sich angesagt. Kein Wunder, wenn die gesamte Presse hier aufkreuzt. Das lässt sich der Herr Dezernent natürlich nicht entgehen. In Gedanken sah Herr Maciejewsky, wie sich Berge von mundgerechten Häppchen vor ihm auftürmten. Und wie ganze Heerscharen von Besuchern Prosecco schlürften.

Die Türschwelle knarzte unter seinen Sohlen. Im Eingang lag eine kleine, halbkugelförmige Kappe in Schwarz. Komisch. Es war taghell. Herr Maciejewsky bückte sich schwerfällig und hob die Verschlusskappe auf. Automatisch ging seine Hand zum Schalter neben der Tür, um das Licht auszuknipsen. Aber das Licht war gar nicht angeschaltet. Der Mann blickte aus einem der Fenster, die vom Fußboden bis zur Decke reichten. Sie sahen aus wie riesige, schwarze Schlunde. Kein Wunder. Es war längst Abend und um diese Jahreszeit bereits stockdunkel.

Herr Maciejewsky blickte auf das Bild. Und da spürte er sie: Die Angst.

Angst, die mitten in der Brust einschlug und sich wie ein kalter Krake im Leib ausbreitete. So sehr, dass man auf der Stelle festfror. Ein Zittern fuhr durch seinen Körper, zählte alle Eingeweide einzeln auf und sorgte für einen kalten Schweißausbruch. Der Mann begann zu schlottern, die Zähne klapperten aufeinander, seine Augen füllten sich mit Tränen wie Quellen kleiner Sturzbäche. Trotzdem trat er vor das Bild und setzte die Kappe auf den grell leuchtenden Fleck am oberen Bildrand auf, von dem sie ganz offenbar abgefallen war. Jetzt war es zwar nicht mehr taghell im Raum, aber das Schlottern hörte nicht auf. Mit letzter Kraft riss sich der Mann von dem beeindruckenden Kunstwerk los. Genauso wie vorhin die beiden Träger stürzte er die Treppe hinunter. Sein etwas zu großes Jackett klappte auf, flog rechts und links gegen die Arme. Auf den letzten Stufen stolperte er und knallte auf die Fliesen der Eingangshalle.

 

Die Brüche hatten sie im Krankenhaus noch in derselben Nacht gerichtet, geschient, gegipst. Aber um seine Augen hatte sich niemand gekümmert.

Etwa acht Stunden später war Herr Maciejewsky erblindet.

Am nächsten Morgen betrat die Krankenschwester, die Frühdienst hatte, sein Zimmer. Sie fühlte den Puls des Patienten. Er hatte keinen.

Sie rannte ins Schwesternzimmer und alarmierte den Oberarzt. Seine selbstsicheren Schritte und der Satz, „der Mann hat doch nur ein paar Brüche. Also kein Grund zur Panik“ sollten für Beruhigung sorgen, wo es keine mehr gab.

Dass ein Patient im Krankenhaus stirbt, gehört zum Alltag. Doktor Keller hatte schon etliche Totenscheine unterschreiben müssen. Aber der Patient mit den Brüchen und Prellungen und mit der Spontanerblindung traf ihn an einer empfindlichen Stelle. Es gab nämlich für die Todesursache keine plausible Erklärung.

Die Botschaft war nicht eindeutig, dachte der Arzt. Aber sie schob eine ungewohnte Furcht durch die Gänge des Krankenhauses. Seitdem wurde viel geflüstert.

Carl Maciejewsky war in seinem gut geheizten Krankenzimmer erfroren.

 

 

 

 

 

Kapitel 2

9.Januar

 

Sechsminuten-Ei

Mein Ei war versalzen. Ich nahm es in die Hand und holte aus. Pratsch!

„Die Wand!“, krakeelte meine Mutter. „Die weiße Wand! Und – Hilfe! – Das Bild!“

„Ich hab’s versalzen“, brüllte ich sie an.

Wir bevorzugten Sechsminuten-Eier. Das Weiße fest, das Gelbe weich. Es war nicht mehr früh. Sonntag eben. Nur mein Vater hatte sich zurechtgemacht, als ginge er gleich in sein Büro.

Sonntags gab es ein gekochtes Ei, weil meine Eltern Zeit dazu hatten. Jedenfalls mehr als in der Woche, in der nie Zeit war. Im Moment geht’s gerade nicht, war der Satz, den meine Eltern am häufigsten benutzten. Inzwischen holte allerdings die Frage von meinem Vater nach seinen Tabletten mächtig auf. Er hatte zu hohen Blutdruck. Die Arbeit, der Stress. Ich hörte schon gar nicht mehr hin.

Es war kurz vor zehn. Meine Mutter hatte bereits dreimal verkündet, was für eine schlechte Nacht sie hinter sich hätte. Rückenschmerzen, kaum geschlafen und dann auch noch das Gehuste meines Vaters wegen seiner fetten Erkältung. Sie meckerte häufig sonntags herum.

Wie jeden Sonntag frühstückten wir nicht in unserer High-Tech-Küche, sondern im Esszimmer an einem Tisch für mindestens zwölf Personen. Dabei waren wir nur zu dritt. Ein breiter Durchgang führte in unser riesiges Wohnzimmer. Über dem schwarzen Ledersofa hing ein Megabild mit drei riesigen Steinen vor der weiß getünchten Wand. Jetzt triefte eine dottergelbe Spur genau über den linken Stein, überquerte den Bilderrahmen und wanderte über das Weiß bis hinter das Sofa. Ein voll cooler Wurf. Für einen kurzen Moment fühlte ich eine Glückswelle.

Mein Vater nahm seine Lesebrille ab, hielt seinen Kopf in den Händen, die Ellbogen über der Zeitung aufgestützt. Die Freifläche zwischen einer Mischung aus rötlichen und grauen Resthaaren war schon ziemlich groß. Ob die von Christian auch so groß war? Wo Christian doch sechs Jahre älter war als sein kleiner Bruder, der mein Vater war, sich im Moment die Augen aus dem Kopf rieb und vor sich hin stöhnte, als müsste er gleich zur Schlachtbank. Dabei war ich im Werfen echt eine Null, aber das Ei hatte gesessen.

Wortlos griff mein Vater neben seinem Frühstücksteller nach seinen Pillen und spülte eine mit Kaffee runter.

„Lu! Kannst du mir mal verraten, was in dich gefahren ist?“ Meine Mutter knallte die kleinen Fäuste mit den dunkelblau lackierten Fingernägeln auf den Tisch. Das Geschirr machte einen Hüpfer.

„Hab ich doch gerade gesagt.“ Ich knallte ebenfalls meine Fäuste auf den Tisch. Lackierte Nägel hatte ich nicht. Dafür waren sie ziemlich abgekaut. „Ich habe dieses verdammte Ei versalzen“, sagte ich so böse wie möglich.

Auch sonst sah meine Mutter total anders aus als ich. Durch ihre täglichen Besuche im Sportstudio hatte sie eine durchtrainierte Figur. Weil sie nach dem Sport oft auf die Sonnenliege ging, war sie gut gebräunt.

„Lederstrumpf“, hatte mein Vater neulich zu ihr gesagt. Natürlich gab es Zoff.

Früher war meine Mutter irgendwie anders gewesen. Aber jetzt?

Es wurde mucksmäuschenstill. Meine Mutter starrte mich aus großen, runden, stark geschminkten Kulleraugen an – ich starrte meine Mutter an.

„Sie ist in der Pubertät“, murmelte mein Vater und beugte sich wieder über seine Zeitung.

„Jetzt nimm du sie auch noch in Schutz, Stefan.“ Und in meine Richtung schrie sie: „Was glaubst du eigentlich, wie lange man für ein solches Kunstwerk arbeiten muss? Du bist wohl völlig übergeschnappt.“

„Nicht mehr als du“, konterte ich. In der kurzen Phase der Stille hörte man, wie etwas in den Briefkasten plumpste. Meine Räuberinnenhände, rau, mit angefressenen Nägeln und blutig gekauten Nagelhäutchen, lagen flach auf dem Tisch. „Kinder haben ist – ist wie Krieg, verdammt noch mal.“ Meine Mutter hob die Hand, ließ sie aber unverrichteter Dinge wieder fallen. Durchaus möglich, dass ich ihr eine zurückgeknallt hätte.

„Da ist einer im Klinikum erfroren“, sagte mein Vater.

 

Ich beugte mich in seine Richtung. „Wie denn das?“

„Ein Mitarbeiter des Folkwangmuseums ist einen Tag vor der Ausstellung Nordlichter eine Treppe hinuntergefallen und ins Essener Klinikum eingeliefert worden. Ironie des Schicksals: Der Mann starb angeblich in Folge von Erfrierungen“, las mein Vater laut vor.

Meine Mutter schlug mit der flachen Hand gegen die aufgeschlagene Westdeutsche Allgemeine Zeitung. „Du lenkst vom Thema ab, Stefan.“

„Ich find’s spannend“, heizte ich die Stimmung weiter an, in meinem Bauch ein unheilvoller Knubbel aus Kummer und Wut.

Dass es sich bei dem langweiligen Bild mit den dicken, fetten Steinen drauf um ein Kunstwerk eines hochberühmten Fotografen handelte - na wenn schon. War das Bild eben hin. Ich hatte etwas viel, viel Wertvolleres verloren. Mein Leben. Mein eigentliches Leben. Mein geheimes Leben.

Mein Alles!

Mir kamen die Tränen, plötzlich und ohne Vorwarnung. Verdammter Mist. Meine Eltern ging das alles wirklich nichts an. Ich sprang auf, mein Stuhl kippte nach hinten um. Großes Gepolter. Was meine Mutter aus ihrem dunkelrot angemalten Mund hinter mir her brüllte, drang nicht zu mir durch. War mir auch scheißegal.

Die Treppe nach oben nahm immer zwei Stufen auf einmal, stürzte in mein Zimmer, knallte die Türe zu und schloss ab. Dann schmiss ich mich auf mein Bett.

 

Wie lange ich geweint habe? Keine Ahnung. Immer wenn ich den Kopf hob, sah ich auf meine breite Fensterbank. Sie bot den trostlosesten Anblick, den man sich vorstellen kann: Sie war leer. Vor zwei Tagen hatte dort noch ein mit Tannengrün und getrocknetem Moos geschmücktes Winterdörfchen aus Pappe gestanden, vierundzwanzig kleine Häuschen, mit denen ich als echter Dekofan mein Zimmer winterlich geschmückt hatte. Und nun war es fort. Weggeräumt in irgendeine Kiste, in der es im Keller darauf wartete, am ersten Dezember wieder aufzuerstehen. Das wäre in zehn Monaten und einundzwanzig Tagen. Das wären ungefähr 46 Wochen. Also 325 Tage. Und das waren – ich kramte mein iPhone hervor und tippte umständlich die Zahlen ein – 7800 Stunden. Mindestens.

Meine Eltern wussten natürlich nicht, dass dieses Papierdorf ein Medium war, das einen zischen null und ein Uhr mit einem echten, einem unfassbar fantastischen Ort verband. Weil sich irgendwann ein besonderer Maler darein verliebte, hatte er neben anderen diesem Dorf eine eigenartige Magie eingehaucht. So flüchtete ich zwischen null und ein Uhr aus meinem eher öden Alltag dorthin.

In der Nacht vom sechsten zum siebten Januar hörte die magnetische Kraft auf. Nicht, dass ich das vorher nicht gewusst hätte. Frau Sawinsky, unsere Haushälterin, wusste Bescheid. Sie hatte mich ja gewarnt. Das wohl. Aber es war etwas Unglaubliches passiert. Ich hatte mich in der geheimen Welt verliebt. In einen Jungen, der an einen Seeräuber erinnerte. Noch mehr als Johnny Depp und alle Matrosen auf der Black Pearl. Mit seinen dunklen Wuschelhaaren, den mandelförmigen Augen und dem Troyer sah er für mich aus wie eine Erscheinung aus einer anderen Welt. Was er ja auch war. Jede Nacht hatte ich ein Date mit Kai. Und nun sollte damit Schluss sein?

Nein. Es war damit Schluss.

Als ich Anfang Dezember von Andrea die anspruchsvollen Bastelbögen für das Winterdorf per Post erhielt, war ich mehr als erstaunt. Natürlich wunderte ich mich auch über das Lebkuchenherz mit der Aufschrift Liebe ist kosmisch.

Als ich vorgestern, also am siebten Januar, aufwachte, mich in unserer Hightech-Küche vor mein Müsli hockte, ohne jeden Hunger oder Appetit, hatte ich den Abschied von Kai und dem geheimen Dorf noch gar nicht richtig realisiert. Aber als Frau Sawinsky zu mir kam und sagte, sie habe es weggeräumt – da hab ich echt vor die Wand gehämmert. Dann bin ich mit den Fingerknöcheln am Rauputz im Treppenhaus entlang geschrappt. Solange, bis sie bluteten. Es machte irgendwie Spaß, über alles Pflaster zu kleben. Dass unsere Haushälterin etwas über mein Geheimnis wusste, hatte ich schon lange geahnt. Warum das so war, will sie mir demnächst erzählen. Jedenfalls hat sie mich vorgestern in den Arm genommen. Da war mir aufgefallen, wie weich sie ist. Und gleichzeitig stark. Sie ist noch größer als ich, und ich bin mit meinen eins fünfundsiebzig schon ziemlich groß. Aber Frau Sawinsky ist außerdem dick. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Möbelpacker und Metzger. Wegen der großen Fleischhände und der fetten Arme. Heute, am Sonntag, hat sie natürlich frei. Ist schon komisch, wenn man bald fünfzehn wurde und sich nach einer dicken, starken Haushälterin sehnte, die nicht gerade die angesagtesten Klamotten trug.

Ob ich mal Anna anrufen sollte? Meine beste Freundin wusste zwar nichts von meinem mitternächtlichen Leben. Natürlich nicht! Die hätte mich für bescheuert erklärt. Wie jeder andere auch. Obwohl sie meine Fensterbankdeko megasüß gefunden hatte. Aber Anna war für Fantastereien nicht geeignet. Ich hatte ihr erzählt, dass ich die Weihnachtsferien bei Andrea in Berlin verbracht hätte. Ich könnte also berichten, dass ich mich dort verliebt hatte und nun Schluss wäre. Dass die Nummer mit Berlin gelogen wäre, spielte ja keine Rolle. War für Anna egal, wo ich mich verliebt hatte. Oder sollte ich die Sache mit Kai besser für mich behalten? Wenn ich weiterhin auf Geheimniskrämerei machte, fiele meine beste Freundin bald als Survival-Coach weg. Wenn wenigstens Andrea hier wäre. Aber die war in unserem Dorf bei Torge, ihrem Freund, geblieben. Für mindestens ein Jahr. Denn man musste an Heilige Drei Könige um Mitternacht nach Hause oder bis zum ersten Dezember des nächsten Jahres bleiben. Erst dann begann der Magnetismus erneut zu wirken, der einen in die geheime Welt sog und genauso wieder ausspuckte.

Ich kann nicht wirklich erklären, was ich an dem Dorf so toll fand. Im Grunde war es nur ein verträumter, kleiner Ort, wovon es eine ganze Menge gibt. Zum Beispiel in den Alpen. Aber die Menschen dort waren irgendwie anders. Aber das kann man nicht so einfach beschreiben.

 

Andrea hatte es gut. Blieb einfach bei ihrer großen Liebe.

Und ich? Ich wurde gerade krank vor Sehnsucht nach Kai. Mit meinen hellblonden Haaren und der blassen Haut sehe ich neben ihm extrem anders aus als er. Und vor Verlegenheit werde ich immer gleich rot. Aber zum Glück war es ja dunkel, wenn ich in meinem Dorf war. Und wir waren meistens im Freien, wenn es einen Anlass gab, rot anzulaufen…

Mensch Lu. Willst du jetzt bis Dezember rumheulen?, meckerte die kleine innere Stimme.

Auch ein Blick aus dem Fenster konnte meine Laune nicht heben. Nur eklig nasse, graue Straßen.

In der großen Schublade unter meinem Bett lag mein dicker, altmodischer Wollpullover, ein Erbstück von Andrea, mit dem ich schlag zwölf zu mitternächtlicher Stunde aufgebrochen war. Mit dem ich mich Nacht für Nacht in ein unbeschreibliches Dasein gestürzt hatte. Er war mein Traumfänger. Auf dem Bauch liegend murmelte ich komm zu mir, mein Süßer, angelte ihn heraus und grub meinen Kopf hinein. Mit ihm war es einfacher, zu erinnern, dass ich kein hoffnungsloser Fantast war. In seinen Maschen konnte ich alles ganz deutlich riechen. Das war keine Einbildung, denn diese besonderen Düfte hätte ich mir gar nicht einbilden können. Kai. Die Liebe meines Lebens. Ich sah uns beide nebeneinander, den Seeräuber mit seiner Seeräuberbraut. Und er mit Händen, die mich anfassten, dass ich verrückt wurde. Ein Typ ohne peinliche Liebesschwüre. In den dicken, dunkelblauen Wollmaschen roch ich den Schnee, den speziellen Glühpunsch, wie man ihn hier nicht kennt, die Schräge Acht, die eigentlich Zum Kosmos hieß und die schnuckeligste Dorfkneipe war, die man sich vorstellen kann. Dann die Schusterei in dem Haus mit der Nummer eins, dem Haus, das ich als meinen Einstieg gewählt hatte. Sozusagen als geheimen Landeplatz mit Familienanschluss, denn der Schuster war mein besonderer Freund geworden. Am fünften Dezember, nachts, als ich das Flüstern hörte und wissen wollte, wer da wisperte, hatte alles begonnen. Als ich mich über mein Deko-Dörfchen gebeugt hatte und wie mit einem Gewicht nach unten gezogen wurde, mich überschlug und hart auf meinem Hintern landete – bei Herrn Brahmeier, dem Schuster. Hoffentlich reichte der Duft in meinem Fetisch bis Dezember.

Ich legte mich auf den Rücken, den Pullover über meinem Kopf. Wie gerne würde ich jemanden einweihen. Aber das war aussichtslos. Ich konnte froh sein, dass ich mir selber glaubte. Ich sah auf mein Lebkuchenherz. Liebe ist kosmisch. Bis vorgestern hatte die Schrift nachts geleuchtet.

Da rief mein Vater hinter der Türe: „Komm schon, Lu! Mach auf! Ist doch alles halb so schlimm.“

Ich schnupperte noch einmal in die Maschen über mir, umarmte meine zweite Haut und steckte sie zurück unter mein Bett in die große Schublade.

Mein Vater nahm auf der Matratze auf dem Fußboden Platz. Ich hatte sie im Dezember aus der Bettschublade heraus gewuchtet, damit ich weich und leise landen konnte, wenn ich in einem affenartigen Rückwärtssalto aus meinem geheimen Dorf zurückkehrte. Jetzt lag sie noch da und ich plante nicht, sie jemals wieder wegzuräumen.

„Was ist los, mein Mädchen?“

So lieb war mein Vater noch nie gewesen. Ich hockte mich neben ihn.

„Weiß nicht.“

„Kummer?“

„Mhm!“

Er streichelte mich. Ausgerechnet auf die Wange, die ganz lange an Kais Wange gedrückt war – vorgestern Nacht. Na denn! Jetzt konnte ich wieder richtig duschen, wo mein Vater gerade Kais Berührungen wegwischte.

„Tut’s sehr weh?“

„Was?“

„Dein Kummer?“

„Mhm!“

„Ach Kleines!“ Diese Stimme meines Vaters war für mich neu. „Ich weiß, was Kummer ist. Und wie er sich anfühlt.“

Ich sah ihm in die Augen. „Erzählst du’s mir, Papa?“

„Ach weißt du – manche Dinge lässt man besser ruhen.“

Ich sagte nichts.

Meinte mein Vater das spurlose Verschwinden von Christian, seinem großen Bruder? Von dem ich wusste, dass er als Zehnjähriger mit genau dem gleichen Medium wie meinem auf Nimmerwiedersehen abgehauen war?

Mein Vater hatte es nicht gerade leicht. Seine Arbeit war so viel, dass er manchmal grün im Gesicht aussah. Und seine Kindheit dürfte ziemlich daneben gewesen sein, wenn man an Andreas und Christians Berichte dachte. Aber ich konnte unmöglich erklären, dass Andreas Zwillingsbruder in meinem Dorf das glücklichste Leben der Welt führte. Dass ich durch ihn einen supernetten Cousin und zwei supernette Cousinen besaß.

Ach Papa!

Ich seufzte. Da streichelte mich mein Vater gleich noch einmal.

„Übrigens hat jemand einen Zirkel und ein Dreieck in unseren Briefkasten geworfen. Ist bestimmt für dich“, sagte er.

„Hä?“

„Hast du die Sachen nicht jemandem ausgeliehen?“

„Bestimmt nicht.“

„Ich hab sie jedenfalls auf den Küchentisch gelegt.“ Langsam stand er auf und blieb unschlüssig mitten im Zimmer stehen. „Wird schon werden.“

Leise sagte ich: „Weiß nicht.“

Wir sprachen nicht, bis mein Vater aus dem Zimmer schlich.

Wieder kramte ich den dicken Wollpullover hervor. Ich war süchtig nach dem Duft seiner Maschen. Meine Wange befühlte ich, als sei sie durch das Streicheln meines Vaters verletzt.

 

Noch am selben Abend duschte ich.

Anschließend führte ich ein ziemlich langes, ziemlich belangloses Gespräch mit Anna, in dem ich einen triftigen Grund für meine miese Laune zusammenlog. Nach einer halben Stunde hatte ich von dem Geplänkel die Nase voll und schob extreme Müdigkeit vor. Anna suchte nach tröstenden Worten gegen den vermeintlichen Liebeskummer und sagte als Wort zur Guten Nacht: „Vielleicht meldet er sich ja noch und alles wird gut.“

„Ja, vielleicht“ sagte ich lahm und legte auf.