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Wintergunge

Eisträume

 











 Sie schlendert durch Rovaniemi. In der Weihnachtsstadt im hohen Norden hat sie ihn bislang noch nicht gesucht: Christian, 5 Minuten nach ihr zur Welt gekommen, mit zehn Jahren verschwunden – für immer. Ihr rastloses Leben, ihre Suche zieht sich bereits mehr als 30 Jahre hin. Nun also hier oben in Finnland. Der Bruder hat den Schnee geliebt.

An einem Stand für Lebkuchenherzen bleibt sie stehen. Liebe ist kosmisch… steht in hellem Zuckerguss auf einem Herz mit rosa Liebesperlen an den Rändern. Sie lächelt das Herz an, während sich das ihre zusammenzieht. Chris, wo auch immer du bist – ich werde niemals aufhören, nach dir zu suchen, schwört sie wie schon so oft.

„Ich schenk es Ihnen“, sagt ein Mann.

Sie zuckt zusammen. „Was?“

„Das Lebkuchenherz. Es ist für Sie.“ Der Mann blickt sie aus mandelförmigen Augen an. Jetzt lächelt er. „Nun nehmen Sie schon.“

„Danke“, sagt sie wie ein Automat und vergisst, zurückzulächeln.

„Außerdem würde ich Ihnen gerne etwas verkaufen. Schauen Sie mal!“ Er hält einen kleinen Stapel Bögen aus festem Karton in der Hand, auf dem kleine Häuser im Aufriss gezeichnet sind. „Sie müssen sie ausschneiden und zusammenkleben. Hier – sehen Sie mal!“ Er drückt ihr die Bögen in die Hand.

„Haben Sie eine Fensterbank?“

„Äh – wie bitte?“, sagt sie und kommt sich dämlich vor.

„So ein Weihnachtsdörfchen auf der Fensterbank ist eine wunderschöne Winterdekoration.“

Sie nimmt die Bögen, betrachtet sie genauer und überschlägt den Aufwand, den es brauchen würde, so ein filigranes Adventdorf auszuschneiden, die Falze zusammenzukleben und das Ganze zu einer Winterdekoration in ihrem Zimmer aufzubauen. „Das sieht nach richtig viel Arbeit aus“, sagt sie und blickt auf.

Der Mann ist verschwunden.

Verwirrt verlässt sie mit den fremdartigen Dingen in ihren Händen den zauberhaften Ort, geht in ihre Pension, übernachtet und fliegt am nächsten Tag zurück nach Berlin. Es ist der 5.Dezember, sie hat gerade ihren Job verloren. Der Ofen in ihrer winzigen Mansardenwohnung bollert, während sie sich an die Ausschneidearbeit macht und an den Mann denkt. Er ist Inuit. Inuit heißt Mensch.

Zwei Tage später.

Ihre Deko sieht hinreißend aus. Das Pappdörfchen steht auf drei aneinandergerückten Apfelsinenkisten. Zwischen die Häuschen – es sind 24 – hat sie Teelichter gestellt. Was für ein hübsches Geschenk, denkt sie. Und dass sie niemals die Augen dieses Mannes vergessen würde, denkt sie auch. Aber sie wird ihn nicht wiedersehen. Es ist immer dasselbe, seit Chris verschwunden ist. Alle Menschen verschwinden aus ihrem Leben, bevor es spannend werden konnte. Sie sind und waren einfach weg.

Ihre Eltern hielten die Tochter für bindungsunfähig – aber sie weiß es besser. Die miese Kindheit mit dem von Alkohol gezeichneten Vater, der bis zu seinem Tod auf seine Kinder eingedroschen hat, der verschwundene Zwilling und der neureiche kleinere Bruder mit seiner dämlichen Frau sowie ihre unglückliche Mutter haben dafür gesorgt, dass sie keine Lust hat auf einen festen Ort mit dem Stempel Für immer. Der einzige Mensch, für den sie ihr Leben lang da sein will, ist ihr Patenkind: Lu – die Tochter ihres jüngeren Bruders. Sie liebt das blasse Mädchen, mit den durchdringenden blauen Augen und dem Hang zu Schnee und Eis. Es erinnert sie an Chris und sein Lieblingsmärchen: Die Schneekönigin.

Sie lacht ihr Dekodörfchen an und blickt auf das Lebkuchenherz. Dann zieht sie sich aus und geht ins Bett. Da sie Nacktschläferin ist und der Holzofen gleich ausgehen würde, hat sie sich unter eine besonders dicke Daunendecke gelegt, unter die sie sich jetzt kuschelt und noch ein wenig in die sanft flackernden Kerzen träumt. Wieder und wieder ruft sie sich das fremdländische Gesicht des Mannes vor ihr inneres Auge, der ihr die Bastelkartons geschenkt hat. Merkwürdig, dass er so plötzlich verschwunden ist.

Da! Was ist das für ein Geräusch? Wispert da jemand? Kann nicht sein. Sie setzt sich auf. Die sanften Stimmen kommen – nein – das war nicht möglich – aus Richtung der Deko - obwohl – sie hatte in Luigis Kneipe nach dem Bier noch zwei Uzo getrunken. Sie beugt sich über ihr Winterdörfchen – und dann geht es blitzschnell: Ein fremder Magnetismus saugt sie auf und katapultiert sie durch die Finsternis. Hart schlägt sie auf einem Holzfußboden auf. Sie ist in einem Haus gelandet – wie der Kosmos sie erdacht hat.

Nackt.

Da hört sie Schritte. Jemand öffnet eine Tür und steht nun vor ihr.

„So geht Weihnachten“, sagt der Mann lächelnd, zieht seine Strickjacke aus und legt sie um ihre Schultern.